Ihr Lieben!
Schon wieder sind 3 Monate voller
Erlebnisse, neuer Erfahrungen und toller Abenteuer vergangen. Ich
komme gar nicht dazu, diesen Rundbrief zu schreiben, weil ich so
beschäftigt bin!
Damit ich nicht einfach wild drauf los
sprudele und euch ein einziges Chaos erzähle, will ich es geordnet
angehen. Seit meinem letzten Rundbrief im Februar ist viel passiert!
Den zweiten Teil unserer gemeinsamen
Zeit haben wir in Jordanien verbracht. Diese Woche war ein Abenteuer
für sich! Von Nazareth aus haben wir einen Bus bis nach Amman, in
die Hauptstadt Jordaniens genommen. An der Grenze sind wir zu Fuß
von Israel nach Jordanien marschiert, haben ein paar jordanische
Dinar gewechselt, unser Visum geholt und wieder in den Bus gehüpft.
Schon Nachmittags sind wir in Amman angekommen. Vom Busbahnhof
mussten wir ein Taxi zum Hostel nehmen und sind direkt auf die
jordanischen Preise reingefallen. - Wir haben den 8fachen Preis
bezahlt, worüber wir uns im Nachhinein sehr geärgert haben.
Nach 2 Tagen fleißigem Ablaufen der
Stadt sind wir weiter Richtung Süden gereist. Im Wadi Rum sind wir
auf Kamelen geritten und in Aqaba, am Roten Meer waren wir noch
Tauchen. Wir haben sogar eine Krake gesehen!
Viel zu schnell ging die Zeit vorbei
und abermals sind wir zu Fuß über die Grenze von Aqaba nach Eilat
gelaufen. Binnen weniger Minuten waren wir wieder zurück in Israel,
was mir plötzlich so vertraut und heimisch erschien. Direkt hinter
der Grenze hängen viele große Israel-Flaggen, der Reisepass wird
streng unter die Lupe genommen, das Gepäck wird durchleuchtet und
die Soldaten hinter dem Kontrollschalter reden Hebräisch, diese
einst so fremde Sprache, von der ich jetzt einiges verstehe. Im
Vergleich zum Arabischen in Jordanien natürlich ganz besonders.
Um die Osterzeit herum gibt es hier in
Israel auch viele jüdische Feiertage, die mir die
jüdisch-israelische Kultur nochmal um einiges näher gebracht haben.
Hier in Israel gibt es Feiertage für alles und jeden! Alles muss ja
auch gefeiert werden. Feiern ist ja auch was schönes! So ist die
Stimmung hier.
Eine Woche später ging der
Feier-Maraton weiter: Pessach. Pessach war dieses Jahr zeitgleich mit
den russischen und unseren Osterfeierlichkeiten. Daher war dieses
Wochenende auch der Wahnsinn! Ich war sehr beschäftigt und dauernd
unterwegs.
An Pessach wird an die 40 Jahre
Sklaverei und den Auszug aus Ägypten erinnert. Pessach ist insofern
die aufwändigste jüdische Feier, weil sie eine ganze Woche lang
anhält und es ganz bestimmte traditionelle Vorschriften gibt.
Während der ganzen Pessachzeit darf kein Brot gegessen werden.
Generell alles mit Hefe oder Weizen wird für eine Woche strikt aus
den Haushalten verbannt. Ob mann es glaubt oder nicht – selbst in
Supermärkten kann man in dieser Zeit viele Produkte, die Spuren von
Weizen oder Hefe enthalten, nicht kaufen. Die Regale im Supermarkt
werden abgehängt und nur die Produkte, die frei ausliegen darf man
kaufen! Kein Brot, keinen Fruchtsaft, keine Kekse, keine Tomatensoße,
kein Puddingpulver, kein Kaugummi, kein Bier … - falls doch eins
dieser Produkte benötigt wird, muss man schnell zum arabischen
Supermarkt rennen.
Das Fest beginnt mit dem Pessach-Abend,
der „laila seder“. Ich hatte das Glück und durfte diesen Abend
in einer israelischen Familie verbringen. Die Stimmung an dem Abend
ist in etwa vergleichbar mit Heiligabend bei uns. Klar, es gibt weder
Weihnachtsschmuck noch einen Weihnachtsbaum, aber die ganze Familie
kommt traditionell zusammen und es gibt ein großes Festessen. Kinder
tragen ein Gedicht passend zu Pessach vor, wer ein Instrument spielt,
gibt ein Stück zum Besten und in manchen Familien gibt es sogar
Geschenke.Der größte Unterschied zum
Weihnachtsabend ist jedoch, dass die „Pessach Haggadah“ gelesen
wird. Im Laufe des Mahles wird diese Schrift von dem
Familienoberhaupt gelesen. Darin wird der Auszug aus Ägypten
nacherzählt. Zwischendurch gibt es viele Rituale, beginnend mit dem
Hände waschen, gefolgt von dem Brechen einer „Matzah“, dem
Pessach-Brot, welches nur aus Mehl und Wasser besteht, ungesäuert
ist und leicht pappig schmeckt. Das Brot ist ungesäuert, da es es
traditionell wie bei der Flucht aus Ägypten schnell gebacken werden
muss, und keine Zeit zum gehen des Teiges blieb.
Danach gibt es das richtige Essen!
Mmmh... viele Salate, unterschiedliche Fleischsorten, Gemüse und
gefüllte Artischocken, zu guter Letzt gab es noch Eis mit gekochten
Birnen und einen von uns gebackenen Käsekuchen. Das Highlight des
Essens war jedoch die „Kneedle-Suppe“ und „gefillte Fish“ -
Knödelsuppe und Fischbällchen. Die Namengebung stammt aus dem
Jiddischen.
Am nächsten Tag ging es für mich
direkt morgens früh los. Ich habe das Osterwochenende nämlich mit
anderen Freiwilligen und unseren arabischen Freunden aus dem Projekt
am Toten Meer und in Eilat verbracht. Mit dem Auto sind wir Richtung
Süden gefahren und haben die Nächte im Zelt verbracht. Um möglichst
sparsam und unkompliziert unterwegs zu sein, haben wir uns ganze 3
Tage nur von Humus, Tchina, Pita und ein bisschen Fleisch ernährt.
Für 3 Tage war es super lecker!
| Totes Meer |
| Rotes Meer, Blick auf Eilat, rechts im Hintergrund: Aqaba, Jordanien |
Sonntag Abend waren wir zurück in
Tivon. Montag Mittag gings direkt weiter: Milena (eine
Mitfreiwillige) und ich waren bei einer russisch-ukrainischen
Mitarbeiterin Jelena zum Osteressen eingeladen. Pünktlich um 13h saß
die ganze Familie, wir zwei Deutsche und noch ein indischer
Mitarbeiter, der auch eingeladen war um den reich gedeckten Tisch.
Nicht nur das Essen war anders als bei uns, auch die Tradition. Das
erste, was wir taten war also – mittags um 13h, passend zum
Mittagessen– mit einem Shot Whiskey auf Ostern anzustoßen. Sehr
skurril alles. Auch hier sind wir mehr als satt geworden, von
Meeresfrüchtesalat über Pastete, Gemüse, Fleisch, Wodka, Whiskey …
alles was eben dazu gehört! Zum Nachtisch hatte Jelena für uns
kleine Osterhasen gebacken (sie hatte sich vorher im Internet schlau
gemacht, wie denn bei uns Ostern gefeiert wird!). Eine sehr sehr
herzliche Frau ist sie und reden tut sie auch viel! Allerdings nur
auf Hebräisch. In diesem Zusammenhang muss ich sagen, dass ich meine
Hebräischkenntnisse an diesem Wochenende auf die Probe stellen
musste und selber überrascht war, wie viel ich doch schon verstehe,
wenn es eben gehen muss und Englisch einen gar nicht weiter bringt.
Sowohl an dem Wochenende in Eilat, als auch bei Jelena wurde nämlich
nur Hebräisch geredet.
Vorerst Feierpause! Anfang Mai ging es
weiter mit dem Holocaust-Day, dem Soldier-Day und dem
Independence-Day.
Der Holocaust-Day war ein sehr
trauriger und auch bewegender Tag. Am Abend wird er um 22h mit einer
einminütigen Sirene und gleichzeitigen Schweigeminute eingeleitet.
Für jedes Opfer des Holocaust wird an diesem Tag eine Kerze
angezündet, und es wird viel getrauert. Auch am nächsten Mittag
gibt es nocheinmal eine Schweigeminute und in einer Zeremonie hat ein
jeder die Möglichkeit die Geschichte seiner Familie zu erzählen.
Jedes Jahr wird einer bestimmten Gruppe gedacht.
Den ganzen Tag über wird keine laute Musik gehört, wird nicht
gelacht oder gespaßt. Die ganze Atmosphäre ist sehr bedacht und
betrübt.
Für mich
war es eine wichtige Erfahrung, diesen
Tag hier in Israel mitzuerleben, auch wenn es ein komisches Gefühl
war, an diesem Tag Deutsch zu sprechen und gefühlt als einzige
Person nicht familiär beteiligt zu sein.
Der Soldier-Day
erinnert an alle gefallenen Soldaten in den Kriegen Israels seit
1948. Auch dieser Feiertag wird durch eine Sirene und Schweigeminute
eingeläutet und auch am darauffolgenden Mittag gibt es eine
Schweigeminute. Zum Zeitpunkt der Schweigeminute habe ich mich an
einer Bushaltestelle befunden. Es war wirklich faszinierend, wie
Punkt 11h alle Autos angehalten haben, die Fahrer ausgestiegen sind
und alle still standen. Ganz Israel steht eine Minute lang still.
Keiner bewegt sich. Und eine Minute lang schrillt ohrenbetäubend die
Sirene.
Der Soldier-Day
geht direkt in den Independence-Day über, da die gefallenen Soldaten
in engen Zusammenhang mit der Israelischen Unabhängigkeit stehen. Am
Unabhängingkeitstag „dreht dann ganz Israel am Rad“. Überall
hängen Israel Flaggen: an Autobahnen, Autos, Häusern, es gibt
Anhänger, Luftspielzeuge oder Haarreifen. Hauptsache alles ist
blau-weiß! Am Abend des Unabhängigkeitstages sind alle Menschen
draußen auf den Straßen, es wird BBQ gemacht, gesungen, gelacht,
getanzt, die Schulklassen führen Tänze auf, und die Kinder dürfen
bis lange in die Nacht wach bleiben. Der israelische Nationalstolz
ist etwas, das für mich als Deutsche eher befremdlich ist. Allein
die Vorstellung, wie es wäre, wenn so viele Deutschlandflaggen
aufgehängt wären, ist für mich komisch. Aber hier ist es normal,
und wenn man sich drauf einlässt, hat man auch schnell einen
Israel-Botton am T-Shirt und einen Lufthammer mit Israelflagge in der
Hand.
Abgesehen von den
ganzen Feiertagen, bin ich in der letzten Zeit auch noch mal gut in
Israel rumgekommen. Meine Freundin Tabea kam mich besuchen und ein
paar Tage lang sind wir noch mit zwei anderen Volontärinnen den
Golan-Trail gewandert. Wir sind in Odem bei einem Bekannten von
Milena gestartet. Ein paar Tage zuvor hatten wir in Jerusalem auf dem
Markt ein paar leckere Sachen zum Essen wie Tchina, Oliven, Nussbrot,
Baklava, getrocknete Früchte... gekauft. Ich muss sagen, ich hatte
mich schon richtig auf unsere Picknickpausen gefreut, bei den
Leckereien! Auf dem Weg in den Golan fing dann schon das Unglück mit
unserem Essen an. Die Tüte mit dem Baklava haben wir bei all dem
Gepäck einfach im Bus liegen lassen. Am nächsten Morgen in Odem
beim Frühstück ging es dann weiter ...Ich fing an, den Tisch
draußen zu decken und den Kaffee vorzubereiten – als der Kaffee
gemacht war, war das Brot nicht mehr da. Zuerst dachte ich, Milena
hätte es vielleicht wieder rein geholt, aber nein, es hatte sich der
uns unbekannte Hund des Gastgebers daran erfreut und es einfach vom
Tisch geklaut. Das wars dann mit dem leckeren Nussbrot, kalte Nudeln
zum Frühstück. Für den ersten Tag hatten wir noch genug – ein
paar Kräcker, Tchina, Oliven, getrocknete Früchte und etwas
Rohkost. Viel war das allerdings nicht. Umso mehr haben wir uns
gefreut, als wir bei unserer Picknickpause auf eine große
Wandergesellschaft getroffen sind, die noch soo viel Picknickreste
übrig hatte und uns zum Essen eingeladen hat.
Am 1. Tag haben
wir 20 Kilometer zuückgelegt. Beim Suchen nach einem geeigneten
Zeltplatz hat unsere Glückssträhne dann weiter angehalten.
Zufälligerweise sind wir auf Jugendliche aus dem nahgegelegenen
Kibbutz getroffen, welche uns eine leere Wohnung als Schlafplatz
anbieten konnten. Auch hier wurden wir mit Speis und Trank versorgt
und unser Proviant hat noch ein bisschen länger gehalten. Am
nächsten Tag war unsere Strecke nicht ganz so weit, aber nicht
weniger anstrengend. Der 2. Tag war nämlich 5 Grad wärmer und
komplett windstill. Bei 32°C sind wir also durch die pralle Sonne
gelaufen. Das Highlight des Tages war die Wanderung auf den
Mt. Bental neben Merom Golan. Von dort
aus hatten wir eine fantastische Aussicht. Richtung Westen konnte man
beinahe bis zur Mittelmeerküste schauen, Richtung Norden bis nach
Libanon und Richtung Osten nach Syrien.
Zwischen all dem
Feiern und Reisen musste ich dann noch mit meiner WG in eine andere
Wohnung umziehen, da unser altes Haus verkauft wurde. Es war zwar
viel Stress, der uns allen nicht so richtig reingepasst hat, unsere
neue Wohnung ist jedoch um einiges schöner. Wir wohnen jetzt im 3.
Stock und haben eine tolle Aussicht vom Küchenfenster übers Wadi –
ins Tal. So macht Kochen nochmal mehr Spaß!;) Außerdem war hier in
Israel eine riesige Schmetterlingswelle! Das könnt ihr euch gar
nicht vorstellen. Scharen von roten Schmetterlingen sind vom Sinai
über Israel Richtung Norden geflogen. Es war eines Freitag Morgens,
als ich dies bemerkte. Ich lag nach dem Surfen am Strand und habe in
den blauen Himmel geguckt, als ich mich über die vielen
Schattenwerfer gewundert habe. Hunderte von Schmetterlingen konnte
ich auf einmal sehen. Der Wahnsinn! Abgesehen vom Surfen gehe ich
hier öfter mal Klettern und regelmäßig zum Malen, was mich sehr
erfüllt. Im Moment male ich ein Foto von mir hier in Israel auf Öl.
Ich habe im Moment für Dinge Zeit, die mir in Deutschland zwar auch
schon Spaß gemacht haben, aber immer zu kurz kamen.
Letzte Woche
hatten wir eine große Feier im Kfar. Dieses Jahr ist 50 jähriges
Jubiläum der Gründung von Kfar Tikva. Seit Beginn gibt es hier
deutsche Volontäre, die das Kfar seitdem mit aufgebaut haben und bis
heute mit prägen. Zu diesem Anlass gab es eine große Feier. Es
waren mehrere ehemalige Volontäre eingeladen, die auch
Ansprachen gehalten haben. Faszinierend, was innerhalb von 50 Jahren
aus diesem Fleckchen Erde geworden ist! Auch unser Tarbukaspieler
war wieder da und hat die Stimmung
aufgeheizt! Es gab noch eine Besonderheit an diesem Tag: Wir hatten
Gäste aus Deutschland zu Besuch. Eine Gruppe von Menschen mit
Behinderung aus dem Heinrich-Heine-Haus in Neuwied haben uns für ein
paar Tage hier in Israel besucht. Eine kleine Gruppe von unseren
Membern (die die etwas Deutsch sprechen) und wir Volontäre als
Betreuung, sind 2 Tage lang mit unseren Gästen rumgereist. So hatte
ich z.B. die Möglichkeit eine Bootstour auf dem See Genezareth zu
machen und nach Akko zu kommen.
Meine Zeit hier
rast nur so vorbei und fast jedes Wochenende ist schon was geplant.
Die erste Mitfreiwillige macht sich sogar schon in zwei Wochen auf
den Weg nach Hause. Ich genieße noch die letzten 3 Monate in vollen
Zügen, genieße die Sonne, den Strand, das Surfen, die Arbeit mit
den einzigartigen Membern und die Freiheiten, die ich hier in Israel
genieße!
Fühlt euch
gedrückt,
Allerliebste
Grüße aus Israel!
Eure Malin











